Blofelds-Krimiwelt Wahre Verbrechen
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„Haben Sie das Geld bereit...?“
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3.Fall |
Mein persönliches Zeitkolorit 1963/64
Der Hauptfall um den es hier geht, ereignete sich im Jahre 1964, die Aufklärung war
drei Jahre später im Jahre 1967 und die Aburteilung des Täters im Jahre 1968.
Das Opfer war zur Zeit seiner Entführung sieben Jahre alt, ich damals, im Februar 1964, sechseinhalb. Ich stand einige Monate, eigentlich könnte man sagen einige Wochen, vor meiner Einschulung. Die war damals nach Ostern 1964.
Wie war das Klima damals für ein Kind im Vorschulalter wie mich, aufgewachsen in einer kleinen Ortschaft, in einer Siedlung mit Doppelhäusern (erbaut 1934) mit Garten, aufgewachsen in einer heilen Welt. Einer heilen Welt, wie es sie heute leider nicht mehr gibt.
Wir kannten damals noch keine Computer, und ein eigener Fernseher im Zimmer wäre
Science Fiction gewesen. Der stand im elterlichen Wohnzimmer. Einschalten durfte man diesen „Tabernakel“ selbst nie. Meistens mussten wir damals nach dem „Sandmännchen“ ins Bett. Es war schon ein Fortschritt, nach dem „Sandmännchen“ noch einen Serienfilm im Vorabendprogramm schauen zu dürfen, aber dann war Schluß. Dann kamen die „Tagesschau“ und das Abendprogramm. Das war den Erwachsenen vorbehalten, für uns war ab dann das Wohnzimmer ein Sperrgebiet!
Das Kinderprogramm lief damals am Nachmittag und dauerte nie lange. Wir waren glücklich und zufrieden, wieder mal eine Folge von „Lassie“ oder „Fury“ zu sehen.
1964, die Wirtschaftswunderzeit stand auf ihrem Zenit, war ein Fernsehgerät noch keine flächendeckende Selbstverständlichkeit. Meine Eltern hatten erst ab 1963 einen eigenen Fernseher, somit kam ich auch in den Genuß der ersten Sendungen des „neuen Programms“, wie man damals das ZDF in seiner Anfangszeit noch nannte. Vorher schaute man am Wochenende immer bei den Großeltern fern. Am Sonntagnachmittag gab es da immer die Westernserie „Am Fuß der blauen Berge“, und der junge Roger Moore kämpfte auf dem Bildschirm in der Ritterserie „Ivanhoe“ für das Gute. Hinzu kamen dann später noch Serien wie „Gefahr unter Wasser“ u. „Sprung aus den Wolken“. Im Vorabendprogramm, nach dem „Sandmännchen“, ging ich dann mit der Funkstreife „Isar 12“, der „Hafenpolizei“ und mit
„Kommissar Freytag“ auf visuelle Verbrecherjagd. Einer meiner allerersten Fernseheindrücke war die Serie „Soweit die Füße tragen“. Da saß die ganze Familie von den Großeltern, den Eltern bis zum Enkel vor dem Fernseher.
Als wir dann im 1. Schuljahr das Lesen & Schreiben lernten, konsumierten wir Schneyder-Bücher, Karl May, und dann natürlich die „Heftchen“ (der US-Begriff Comic bürgerte sich erst viel später ein). Neben Micky Maus und Fix & Foxi waren die damals beliebten Helden Sigurd, Falk, Tibor, Nick der Astronaut, Bob & Ben etc. Die „Heftchen“ gab es für ein paar Groschen, verpackt in Wundertüten beim Bäcker. Lesen lernten wir in der Schule mit „Hans & Lotte“. Das war unsere Schulfibel wie es damals hieß, das erste Lesebuch. „Hans & Lotte“ waren ein blondes Geschwisterpaar, schön und naturalistisch gezeichnet, Illustrationen einem Märchenbuch gleich, die uns anschaulich die Kunst des Lesens und Schreibens nahe brachten. Ein schön gestaltetes Buch war das, anders, als der Dreck, der heute den Kindern als Lehrmaterial aufgezwungen wird.
Am Anfang der sechziger Jahre schaute ich bei den Großeltern immer gerne die importierte, mehrteilige US-Dokumentationsserie „Der zweite Weltkrieg im Pazifik“. Die Originalaufnahmen mit den See- u. Luftschlachten, den amphibischen Großlandungen und dem Dschungelkrieg übten irgendwie schon eine Faszination auf mich aus.
Was waren wir damals so genügsam. Wir spielten mit unseren Ritterburgen, Wildwest-Forts,
Matchbox-Autos u. Legobausteinen. Der ein oder andere hatte noch eine Modelleisenbahn. Wir Kinder besuchten uns damals gegenseitig abwechselnd, einmal spielte man bei dem, oder bei einem anderen im Hof, oder im Garten und wenn wir demselben Jahrgang angehörten, gingen wir dann auch später gemeinsam zur Schule.
Bei uns in der Siedlung hatte ein Ehepaar aus der Nachbarschaft einen „Tante-Emma-Laden“,
da gab es alles, von Obst, Brot bis Eis. Auf einem Schild über dem Eingang stand, soweit ich mich erinnere, der Name „Vivo“. Weiß nicht, ob das damals eine Kette war. Supermärkte gab es damals, zumindest bei uns, noch nicht.
Wir Jungens trugen kurze Lederhosen, von uns als „Sepplhosen“ bezeichnet, und eine kurzrasierte Igel-Frisur, damals „Mecki-Schnitt“ genannt. Die Mädchen trugen Rock und lange Zöpfe. Fast zwanzig Jahre nach Kriegsende sahen wir doch noch irgendwie nach Jungvolk aus.
Der King in unserer Straße war ich dann, als ich von zwei in den USA verheirateten Nachbarstöchtern Pakete voller Kriegsspielzeug „Made in USA“ geschickt bekam. Das habe ich den beiden „Tanten“ mein Leben lang nie vergessen. Beutelweise Plastiksoldaten, Panzer, Jeeps und als Krönung des ganzen einen GI-Helm für Kinder aus Plastik mit Sergeant-Abzeichen und Tarnnetz. Alle Kinder in der Siedlung hatten gestaunt, zudem in einer Zeit, in der alles heilig war, was von jenseits des großen Teiches zu uns herüberkam.
![]() „General“ Blofeld, Herbst 1963 © Arndt-Heinz Marx, Hanau |
Nachdem mehrmaligen Spielen mit meiner Plastikarmee, daran war fast die ganze Straße beteiligt, merkte ich dann beim „Appell“, als ich meine Soldaten wieder in die Kiste packte, dass jedes Mal immer mehr vermisst wurden – aber nicht durch Feindeinwirkung! Da wurde ich sauer, und von nun an durfte nur noch ein erlauchter, kleiner Kreis mit meiner Armee spielen - unter meiner Aufsicht, versteht sich! Wenn zu der Zeit US-Soldaten mit ihren dunkeloliven Trucks und Jeeps, darauf der weiße Stern, an uns vorbeifuhren, winkten wir ihnen zu und wurden daraufhin immer mit Kaugummis und Drops beworfen, wie beim Fastnachtszug. Damals, am Anfang der sechziger Jahre, war in unserem ausgedehnten Waldgebiet und im Gebiet der angrenzenden Gemeinden nämlich ein großes Manöver der US-Armee. An der Hand meiner Eltern konnte ich da in Natura bestaunen, was ich mit meiner Plastikarmee im Sandkasten immer veranstaltete. Die Eindrücke von den in getarnten Stellungen liegenden Soldaten, eingegrabenen Kampfpanzern und in Formation einfliegenden und landenden Hubschraubern hatten mich dermaßen beeindruckt, dass ich bis ans Ende meiner Tage der Faszination für alles Militärische verfallen bin. Es war das Klima der Zeit von Mauerbau und Kuba-Krise, in der ich meine frühe Kindheit verbrachte. Die Erwachsenen unterhielten sich über die Gefahr, die vom Russen oder „Iwan“ ausging, und bald waren sie bei ihren eigenen Kriegserlebnissen. Jeder kann sich vorstellen, dass da einer in der Ecke saß und Spock-Ohren bekam. Von Politik hatte ich damals noch keine Ahnung, ich wusste nicht einmal, was das ist. Aber gewisse Politiker die mich via Bildschirm anstarrten, waren mir damals schon ein Begriff. Das waren z. B. Adenauer, Ehrhard, DeGaulle, John F. Kennedy, Chruschtschow und ein damaliger Ober-Buhmann namens Fidel Castro. Auch schaute ich mir mit Interesse immer die Bilder in den Zeitungen und Illustrierten von den im Pazifik geborgenen Gemini-Raumkapseln mit den lachenden Astronauten an. Einer von ihnen hieß Shira und die Erwachsenen, wer sprach damals schon groß Englisch, verballhornten die Aussprache des Namens so, dass er immer wie „Schirach“ klang. |
Bevor meine Eltern einen eigenen Fernseher hatten schauten wir auch damals öfters bei einem älteren Ehepaar ein Haus weiter fern. Es war irgendwann am Anfang der 60er-Jahre, ich saß bei meiner Mutter auf dem Schoß und war froh, wieder einmal in die Glotze sehen zu dürfen, was es gab war ja egal. Ich sah nur einen bebrillten Mann, der hinter einem Glaskasten saß und redete und Fragen gestellt bekam. Die Erwachsenen haben dabei dann lauststark diskutiert. Zu der Zeit wusste ich noch nicht, was ich da sah und um was es ging. Später erfuhr ich dann, dass es eine Übertragung des Eichmann-Prozesses war.
Furore machten in den Medien, meine Eltern hatten damals wöchentlich den „Stern“, die Bildberichte über den Postraub in England (vor Jahren ließ ich mir Fotokopien vom Stern-Archiv davon schicken), sowie die Ermordung von John F. Kennedy. Beides 1963.
Neben meinem frühen Hang zum Militär kam damals noch etwas anderes hinzu. Das Interesse für Polizei und Kriminalfälle. Das war naheliegend, denn mein Großvater war Ortspolizist. Damals war die Polizei nämlich noch kommunalisiert. Als er mich eines Tages mal mit ins Rathaus nahm, von uns im Ort als „Bürgermeisterei“ bezeichnet, in der sich auch das Polizeirevier befand, sah ich auf dem Flur ein Fahndungsplakat mit dem Foto eines Mannes hängen, der mir irgendwie unheimlich vorkam. Ich fragte meinen Großvater, wer das da sei und er entgegnete mir mit ernster Miene und hielt dabei den Zeigefinger auf das Foto gerichtet, dies sei ein „Stromer“ und wenn ich den irgendwo einmal sehen würde, solle ich ihm sofort Bescheid sagen. In diesem Moment wurde ich Dreikäsehoch drei Meter größer und kam mir wie ein Hilfssheriff vor! Ein andermal zeigte er mir die Zellen, die sich hinten im Hofe der „Bürgermeisterei“ befanden. Man ging im Hof eine kleine Kellertreppe hinunter und stand in einem dunklen Flur. Da waren dann einige Haftzellen untergebracht. Die Türen waren dick und bestanden aus einer Mischung von dicken Holzplatten und Eisen. Außer dem Schloß waren an der Tür mehrere schwere Riegel und obendrein noch einige rasselnde Sicherungsketten angebracht. Einem mittelalterlichen Kerker gleich. Die Zellen waren ebenfalls finster und ich erinnere mich noch an eine Holzpritsche. Mein Großvater sagte mir dann, dass hier die „Stromer“ reinkämen, bei Wasser und Brot. Einerseits fand ich die ganze Atmosphäre gruselig, andererseits dachte ich mir aber, dass es die „Stromer“ nicht anders verdient hätten. Nie vergesse ich, als ich einmal auf dem Beifahrersitz des Funkstreifenwagens Platz nehmen durfte, einem VW-Käfer. Da fielen Geburtstag, Weihnachten und Ostern für mich zusammen. Und als dann über Funk noch mein Großvater verlangt wurde, da stand ich zum erstenmal neben mir und dachte, ich sei bei der „Isar 12“. Später wurde mir klar, in dieser Zeit erfuhr der spätere „Law & Order“- Anhänger Blofeld seine frühkindliche Prägung.
Wie eingangs erwähnt, war unsere Welt, vor ´68, noch heil und wohlbehütet, aber auch damals lauerte schon das Verbrechen da draußen. Es muß so im Jahre 1962 gewesen sein. Da wurde nachts in der Nachbargemeinde der Pförtner einer Druckerei während seines Rundgangs erschlagen. Lohngeldraub! Damals gab es noch keinen bargeldlosen Zahlungsverkehr, sondern die Gehälter wurden jeden Ersten im Monat in bar und in Lohntüten an die Arbeiter und Angestellten ausgezahlt. Die Gehälter waren damals die Nacht vorher schon im Lohnbüro, da muß der Pförtner den Verbrechern bei seiner Runde in die Quere gekommen sein. Mein Großvater erzählte damals meinen Eltern, wie schrecklich der Mann zugerichtet war. Ich saß mit am Küchentisch und lauschte den Erzählungen meines Großvaters mit offenem Mund und roten Ohren. Er sagte auch meinen Eltern, er könne einmal die Fotos mitbringen, damit sie einmal sehen, was die „Stromer“ mit diesem Mann angestellt haben. Das wurde aber seitens meiner Eltern dankend abgelehnt. Der Fall wurde übrigens nie geklärt. Die Gerüchte wollten nie verstummen, dass der Pförtner deshalb umgebracht wurde, weil er die Lohnräuber erkannte. In kleinen Ortschaften kannte ja jeder jeden. Es wären vermutlich dort Beschäftigte gewesen, heute würde man sagen „Insider“. Also Leute, die damals und teilweise noch heute unter uns sind...
Die Forderungen nach der Wiedereinführung der Todesstrafe, sowie Bemerkungen wie „Kopf ab“ und „Rübe runter“ waren damals ganz natürliches Volksempfinden und man wurde deswegen nicht angegiftet. In der heutigen Zeit der jakobinischen „Political Correctness“ gehen die Uhren leider anders.
Dann im Februar 1964, verschwand ein siebenjähriger Junge während des Tages in Wiesbaden. Die Polizei schaltete damals bei der Fahndung die Massenmedien Rundfunk und Fernsehen ein, um dem Täter habhaft zu werden. Denn er stellte auch erpresserische Geldforderungen und seine Stimme wurde aufgezeichnet und ausgestrahlt. Entweder hörte ich diese verstellte Stimme damals aus dem Grundig-Radio in der elterlichen Küche oder abends via Fernseher in der „Hessenschau“. Das weiß ich heute nicht mehr so genau. Auf jeden Fall bekam ich eine Gänsehaut, die originale Stimme eines „Stromers“ zu hören, der gesucht wird und der einen Jungen fast meines Alters in seiner Gewalt hatte. Die Stimme eines echten Verbrechers zu hören, das war für mich eine schaurige Sensation. Zu gerne wäre ich damals als Hilfssheriff mit Opa und der „Isar 12“ ( im angelsächischen Sprachraum bezeichnet man dies als „Schoolboy Phantasies“) mit auf Verbrecherjagd gegangen, um den „Stromer“ anschließend zu Wasser und Brot und unter Knüppelschlägen in die finstere Kerkerzelle hinter der „Bürgermeisterei“ zu zerren.
Aber dies hier war die Realität, kein Krimi einer Vorabendserie, in denen die Gangster nach 25 Minuten von Funkstreifenwagenbesatzungen oder Wasserschutzpolizisten die Handschellen verpasst bekommen.
Ich wurde immerhin Ohrenzeuge eines der sensationellsten Verbrechen der deutschen Nachkriegszeit.
Als ich dann nach Ostern eingeschult wurde, brachten uns natürlich erst die Mütter zur Schule. Später gingen wir dann zu zweit oder zu dritt in die Penne. Und immer wieder wurde uns eingebleut: „Geht mit keinem Fremden!“. Denn auch nach Ostern 1964 war der Junge noch nicht frei und der Täter nicht dingfest gemacht. Das Klima war aufgeheizt. Die Jagd ging weiter, und die Medienberichte begleiteten mich weiter auf meinem ersten Schulgang...

Blofelds erster Schulgang.
Frühjahr 1964
© Copyright: Arndt-Heinz Marx, Hanau
Soweit meine Empfindungen und mein Umfeld von damals. Obwohl dieser Fall damals eine riesige Furore machte, war er jedoch nicht der erste Fall von Kindesentführung im Nachkriegsdeutschland, sondern bereits der dritte. Bevor wir also im Jahr 1964 weitermachen, schalten wir die Zeitmaschine 6 Jahre zurück, ins Stuttgart des Jahres 1958...